Kretschmanns Abschied beendet eine Ära der Grünen in Baden-Württemberg
Dietlind Grein GrothKretschmanns Abschied beendet eine Ära der Grünen in Baden-Württemberg
Winfried Kretschmann, der langjährige Grüne-Politiker und Ministerpräsident von Baden-Württemberg, wird am 8. März 2023 von seinem Amt zurücktreten. Bekannt für seinen pragmatischen Führungsstil und seine unumwundene Art, hinterlässt er ein politisches Erbe, das von großen Infrastrukturkonflikten und dem Einsatz für mehr Bürgerbeteiligung geprägt ist. Sein Abschied markiert das Ende einer Ära für die erste und bisher einzige grün geführte Landesregierung Deutschlands, die er seit 2011 anführt.
Kretschmanns Aufstieg begann nach der Landtagswahl 2011, als die Ablehnung des Bahnprojekts Stuttgart 21 und die Nuklearkatastrophe von Fukushima seinen Wahlkampf beflügelten. Das umstrittene Großprojekt, das 2010 vorgestellt worden war, löste Massenproteste aus und führte zu einem dauerhaften Wandel in der Infrastrukturplanung Baden-Württembergs. Bis 2021 führte das Land das Gesetz über die dialogische Bürgerbeteiligung ein, das Bürgerräte und Workshops – wie die für November 2025 geplante Servicestelle Bürgerbeteiligung – schafft, um die öffentliche Mitsprache bei großen Vorhaben zu sichern.
Sein Führungsstil brachte ihn häufig in Konflikt mit der Bundespartei der Grünen, die er als realitätsfern kritisiert. Der selbsternannte "harte Realist" Kretschmann zeigte sich etwa beim Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor kompromissbereit und stellte wirtschaftliche Belange über starre Ideologie. Offener Bewunderer der Schweizer Bahnen und ihrer gut instand gehaltenen Infrastruktur, stellte er diese dem deutschen Niedergang in diesen Bereichen gegenüber.
Jenseits der Politik betonte Kretschmann die engen Verbindungen zwischen der Schweiz und Baden-Württemberg. Über 60.000 Grenzpendler, gemeinsame kulturelle Werte und starke wirtschaftliche Verflechtungen unterstreichen diese Beziehung. Gleichzeitig warnte er vor Bedrohungen für die Demokratie und argumentierte, dass ein funktionierender Staat der beste Schutz vor ihren Feinden sei. Doch beim Blick auf sein bevorstehendes Amtsende zeigt er sich erleichtert – nach Jahren des Wirtschaftsdrucks in Schlüsselsektoren wie Automobilbau und Maschinenbau, wo Stellenstreichungen drohen.
Mit Kretschmanns Abgang endet ein Kapitel für Baden-Württemberg, wo seine "Politik des Gehörs" die öffentliche Teilhabe neu gestaltete. Das Land setzt heute stärker auf kooperative Modelle in Bildung, Stadtplanung und Infrastruktur, um Legitimität zu schaffen. Sein Nachfolger übernimmt eine Region, die vor wirtschaftlichen Herausforderungen, sich wandelnden demokratischen Erwartungen und der anhaltenden Aufgabe steht, Pragmatismus und progressive Ideale in Einklang zu bringen.