14 March 2026, 12:14

Münchner Kammerspiele wagen radikale Wallenstein-Neuinterpretation mit Wagner-Parallelen

Ein altes Buch mit einem Cover, das einen Mann in Anzug und Krawatte zeigt

Münchner Kammerspiele wagen radikale Wallenstein-Neuinterpretation mit Wagner-Parallelen

Die Münchner Kammerspiele präsentieren eine kühne Neuinterpretation von Schillers Wallenstein

Bei den Münchner Kammerspielen wurde kürzlich eine mutige Neuinszenierung von Friedrich Schillers Wallenstein auf die Bühne gebracht – eine Verschmelzung von klassischem Drama und modernem investigativem Theater. Unter der Regie von Jan-Christoph Gockel verband die Produktion den Söldnerkrieg des 17. Jahrhunderts mit heutigen Konflikten und zog dabei frappierende Parallelen zu Jewgeni Prigoschins Wagner-Gruppe. Den Abend eröffnete eine provokante Lecture-Performance des russischen Künstlers Serge, die einen Ton zwischen schwarzem Humor und scharfer politischer Kritik anschlug.

Die Aufführung begann mit Serges Solo-Stück, in dem er mit einem Harry-Potter-Zauber Angst in Lachen verwandelte, während er Prigoschins Aufstieg sezierte. Damit war der Rahmen für eine Inszenierung gesteckt, die ständig zwischen Schillers Versen und zeitgenössischer Forschung hin- und hersprang – insbesondere den Arbeiten Sergei Okunews über die privatisierte Gewalt der Wagner-Gruppe. Der Satz "Der Krieg nährt den Krieg" wurde zum wiederkehrenden Leitmotiv, das Wallensteins Söldnerheere mit den Einsätzen der Wagner-Truppe in der Ukraine und darüber hinaus verband.

Samuel Koch stand als Wallenstein im Zentrum, dessen gelähmter Körper gelegentlich von einer mechanischen Vorrichtung bewegt wurde – wenn auch ihr kurzer Auftritt bei manchen Zuschauern den Wunsch nach mehr weckte. Die Energie der Produktion erreichte ihren Höhepunkt in "Das Schlachtmahl in sieben Gängen", wo die Schauspieler an einer langen Küchenzeile kochten, bevor sie sich in Soldaten und Zivilisten verwandelten. Doch der Übergang vom kulinarischen Spektakel zum Schlachtfeldchaos wirkte holprig und schwächte die Liebesgeschichte zwischen Wallensteins Tochter und Max Piccolomini ab.

Gockels Team kürzte Schillers Originaltext stark und fügte Prologe, Epiloge sowie neue Szenen ein. Der beklemmendste Moment ereignete sich an dem Tag, an dem der Münchner Flughafen wegen eines Drohnenalarms dichtmachte – da klang Wagners Motto "Unser Geschäft ist der Tod, und das Geschäft floriert" unheimlich prophetisch. Den Abend beschloss ein Auszug aus Swetlana Alexijewitschs Werk, der einen seltenen Hoffnungsschimmer in die düstere Auseinandersetzung mit den Profiteuren des Krieges brachte.

Dieser Münchner Wallenstein hinterließ beim Publikum ein schonungsloses Porträt davon, wie wenig sich die Ökonomie des Krieges seit dem 17. Jahrhundert verändert hat. Durch die Verbindung von Schillers Drama mit Okunews Recherchen zwang die Inszenierung zu einer Konfrontation zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das letzte Bild – eine Bühne, übersät mit den Trümmern des Konflikts – brannte sich lange nach dem Fall des Vorhangs ins Gedächtnis.

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