Peter Weiss' "Die Ermittlung" kehrt mit erschütternder Wirkung nach Stuttgart zurück
Dietlind Grein GrothPeter Weiss' "Die Ermittlung" kehrt mit erschütternder Wirkung nach Stuttgart zurück
Sechzig Jahre nach seiner Uraufführung kehrte Peter Weiss' Dokumentarstück "Die Ermittlung" in den Landtag von Baden-Württemberg nach Stuttgart zurück. Das Publikum erlebte eine schonungslose Neuinszenierung der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, in denen die Aussagen von Überlebenden grausame Akte der Unmenschlichkeit offenbarten. Die Aufführung ließ viele sichtbar erschüttert zurück – eine Mischung aus Theater und der Last des historischen Gedächtnisses.
Das Stück basiert direkt auf den Prozessen von 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main und verwandelt Gerichtsprotokolle in eine beklemmende Bühnenerfahrung. Zeugenberichte schilderten Gräueltaten wie die eines Wächters, der ein Kind gegen eine Wand schleuderte, oder die Injektion einer zementartigen Chemikalie in den Leib einer schwangeren Frau. Eine weitere erschütternde Einzelheit betraf die sogenannte "Sprechmaschine" – ein Folterinstrument, mit dem der SS-Offizier Wilhelm Friedrich Boger Opfer zu Tode prügelte.
Die Inszenierung verzichtete bewusst auf dramatische Effekte oder visuelle Spektakel. Stattdessen lag der Fokus auf der ungeschminkten Kraft der gesprochenen Zeugenaussagen, die Verhöre und Verhandlungssequenzen so originalgetreu wie möglich nachstellten. Einige Figuren wurden als zerrissene Persönlichkeiten gezeigt – gezwungen, im NS-Vernichtungsapparat mitzuwirken, um zu überleben, und doch mitschuldig an seinen Verbrechen.
Aufgeführt im Stuttgarter Landgericht, sollte die Produktion die Erinnerung an die Verbrechen in alltagsnahe staatliche Institutionen einbetten. Die Wahl des Ortes unterstrich die Botschaft des Stücks: das Publikum mit der Geschichte an einem Ort zu konfrontieren, an dem noch heute über Gerechtigkeit verhandelt wird.
"Die Ermittlung" bleibt ein zentrales Werk im Schaffen von Peter Weiss, neben "Marat/Sade", das 1965 uraufgeführt wurde. Zwar sind die genauen Aufführungszahlen von "Marat/Sade" nicht dokumentiert, doch auch dieses Stück avancierte zum weltweiten Klassiker – mit bedeutenden Produktionen in London und einer Neuinszenierung 2007 durch eine ruandische Theatergruppe im Londoner Young Vic.
Die Stuttgarter Aufführung von "Die Ermittlung" war eine ernüchternde Mahnung an die Gräueltaten des Holocaust. Indem das Stück in einem funktionierenden Gerichtssaal aufgeführt wurde, sorgten die Veranstalter dafür, dass die Vergangenheit nicht nur erinnert, sondern aktiv auseinandergesetzt wurde. Die Reaktion des Publikums – zunächst Schweigen, dann ein kollektives Erschauern – zeugte von der anhaltenden Wirkung von Weiss' kompromisslosem dokumentarischem Ansatz.