16 January 2026, 14:18

Reclams gelbe Bändchen öffnen sich für Songtexte – doch Frauen fehlen weiterhin

Ein altes, abgenutztes Manuskriptblatt mit deutschem Text und Musiknoten in einer traditionellen deutschen Schriftart.

Reclams gelbe Bändchen öffnen sich für Songtexte – doch Frauen fehlen weiterhin

Der traditionsreiche Verlag Reclam, bekannt für seine gelben Bändchen mit klassischer Literatur, hat begonnen, auch Songtexte in seine ikonische Reihe aufzunehmen. Die kleinen Bücher, die einst Werke wie Goethes Faust beherbergten, präsentieren nun Lyrics von Bands wie Die Ärzte und Tocotronic. Damit vollzieht sich ein Wandel dessen, was als Teil des kulturellen Fundaments Deutschlands gilt.

Doch ähnlich wie im alten literarischen Kanon bleiben Frauen auch in dieser neuen poppoetischen Auswahl unterrepräsentiert.

Reclams Kanon hatte schon immer das Ziel, durch Literatur eine nationale Identität zu prägen. Nun erweitert er sich um einflussreiche Musiker als zentrale Figuren der deutschen Kultur. Die Entscheidung des Verlags folgt auf starke Verkaufszahlen: Das Lyrikheft von Die Ärzte entwickelte sich im vergangenen Jahr zu einem der Bestseller des Hauses – auf Augenhöhe mit Faust.

Auch die Texte anderer bekannter Künstler finden Eingang in die Sammlung. Rio Reiser und Reinhard Mey werden in dem vertrauten gelben Format gedruckt. Bob Dylans Lyrics erschienen hingegen zuvor in einer rot eingebundenen Ausgabe, die für fremdsprachige Texte reserviert ist. Gleichzeitig erlebt die Literaturszene ein ungewöhnliches Crossover: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, bekannt für seine provokanten Romane, hat angekündigt, ein Album zu veröffentlichen und auf Tour zu gehen. Sein Schritt in die Musik verwischt die Grenzen zwischen Literatur und populärem Songwriting weiter.

Doch trotz der Erweiterung spiegelt der neue Kanon in einem Punkt den alten wider: Frauenstimmen werden weiterhin an den Rand gedrängt. Die verstorbene Anna R. von Rosenstolz etwa ist in keiner der angekündigten Reclam-Ausgaben vertreten. Auch nach Lyrikbänden von Herbert Grönemeyer sucht man vergeblich – es bleiben Lücken bei der Repräsentation von Künstlerinnen und bestimmten männlichen Künstlern.

Reclams gelbe Bändchen stehen nun im Regal zwischen Goethe und Die Ärzte und verkörpern ein erweitertes Verständnis kultureller Bedeutung. Die Auswahl des Verlags zeigt, welche Künstler als Teil des literarischen und musikalischen Erbes Deutschlands gelten.

Doch das Fehlen von Frauen in dieser Auswahl unterstreicht ein langjähriges Ungleichgewicht. Der Kanon mag sich wandeln – die geschlechtsspezifische Schieflage bleibt bestehen.