Streit um Europas Arzneimittelversorgung: Bevorratung versus Abhängigkeitsrisiken
Angelo BriemerStreit um Europas Arzneimittelversorgung: Bevorratung versus Abhängigkeitsrisiken
Auf dem Handelsblatt-Kongress gerieten Branchenführer und Gesundheitsvertreter über die Widerstandsfähigkeit der europäischen Arzneimittelversorgung aneinander. Im Mittelpunkt der Debatte standen die Bevorratung, Handelsabkommen und die Risiken einer zu starken Abhängigkeit von ausländischer Produktion. Während einige für mehr Eigenständigkeit plädierten, hinterfragten andere, ob die bisherigen Maßnahmen ausreichen.
Tim Steimle, Leiter des Pharmabereichs bei der Techniker Krankenkasse, betonte, Deutschland habe sein Ziel erreicht, einen sechsmonatigen Vorrat an Medikamenten anzulegen. Zudem verwies er darauf, dass sich Rabattverträge zu umfassenderen Versorgungsvereinbarungen weiterentwickelt hätten – allerdings noch nicht für Kinderarzneimittel. Steimle begrüßte das geplante Freihandelsabkommen mit Indien, stellte jedoch infrage, ob die Globalisierung zurückgedrängt werden solle.
Thomas Weigold, der die Deutschland-Geschäfte von Sandoz/Hexal leitet, warnte vor der starken Abhängigkeit von China bei Antibiotika und Generika. Er forderte, kritische Arzneimittel als Teil der deutschen Sicherheitsarchitektur zu betrachten. Gleichzeitig kritisierte Weigold Freihandelsabkommen, da sie die Widerstandsfähigkeit der Generika-Produktion schwächten und gleichzeitig kostspielige neue Regulierungen für die Branche mit sich brächten.
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, bezeichnete den sechsmonatigen Vorrat als unzureichend. Er forderte konkrete Szenarien zur Vorbereitung und betonte, dass die Resilienz der Logistik keineswegs selbstverständlich sei. Zudem mahnte Inanc, Europa müsse seine Abhängigkeit von US-Seewegen für Arzneimittellieferungen verringern.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie, argumentierte, dass eine Bevorratung für Generika-Hersteller wenig sinnvoll sei. Er stellte die Gesundheitspolitik als Sicherheitsfrage dar und warnte, die Verwundbarkeiten Europas würden unterschätzt. Ohne Forschung gebe es keine Produktion – Investitionen in den Sektor seien daher unverzichtbar.
Die Diskussionen offenbarten tiefe Gräben darüber, wie die Arzneimittelversorgung in Europa gesichert werden kann. Während einige die bestehenden Bevorratungsmaßnahmen unterstützten, forderten andere strengere Eigenständigkeit und eine Neuausrichtung der Handelspolitik. Die Debatte unterstrich den Spannungsbogen zwischen Globalisierung und dem Bedarf an zuverlässigem Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten.






