07 May 2026, 12:21

Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Vom Pogrom zur verdrängten Erinnerung

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, das zahlreiche weiße und blaue Betonsteine in einem Gittermuster zeigt.

Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Vom Pogrom zur verdrängten Erinnerung

Halberstadts jüdische Gemeinde – einst ein blühendes Zentrum des Neo-Orthodoxen Judentums – wurde zwischen 1938 und 1942 systematisch zerstört. Den Anfang machte die Zerstörung der Synagoge während der Novemberpogrome 1938. Noch heute hallt das Erbe dieses Verlustes in der lokalen Erinnerung und Literatur nach.

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Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge in der Nacht vom 9. November 1938 löste eine Welle der Gewalt aus, die die jüdische Bevölkerung der Stadt auslöschte. Bis 1942 war die Gemeinde vernichtet. 1961 lebte nur noch ein Mann in Halberstadt: Willy Calm, der später auf dem jüdischen Friedhof an der Quenstedter Straße beigesetzt wurde.

Ein Mahnmal am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt wurde 1949 eingeweiht, um an die Opfer der Zwangsarbeit zu erinnern. Doch 1969 erfolgte ein Umbau – nicht als Ort der Trauer, sondern als Versammlungsstätte für politische Gelöbnisse. Das Tunnelsystem unter dem Lager, einst eine NS-Zwangsarbeitsstätte, diente später der Nationalen Volksarmee der DDR als militärisches Depot.

In der DDR wurde jüdische Geschichte oft von antifaschistischen Erzählungen überlagert. Romane von Peter Edel und Jurek Becker, die jüdische Erfahrungen thematisierten, erschienen zwar, stießen aber auf gemischte Reaktionen. Lin Jaldati, eine niederländische Widerstandskämpferin, die 1952 in die DDR übersiedelte, verschwand nach dem Sechstagekrieg 1967 aus den Staatsmedien und tauchte erst Mitte der 1970er Jahre wieder auf. Philipp Grafs Buch „Verweigerte Erinnerung“ analysierte später diese Widersprüche und zeigte, wie Halberstadts jüdische Vergangenheit zugleich bewahrt und verdrängt wurde.

Selbst in jüngster Zeit hält sich Antisemitismus. Als die Rathauspassagen in Halberstadt 2018 verkauft wurden, gab es Stimmen, die von einem „Verkauf an die Juden“ sprachen – allein weil die Käufer jüdischer Herkunft waren.

Das Mahnmal in Langenstein-Zwieberge steht noch immer, doch seine Bedeutung wandelte sich im Laufe der Zeit. Bücher und persönliche Erzählungen dokumentieren, was verloren ging. Doch die Spannung zwischen Erinnerung und politischer Opportunität bleibt – und prägt bis heute, wie Halberstadts jüdische Geschichte anerkannt wird – oder auch nicht.

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