Wie eine Berliner Künstlerin die osmanische Erzählkunst Meddah neu erfindet
Sylke SchmiedtWie eine Berliner Künstlerin die osmanische Erzählkunst Meddah neu erfindet
In einem kleinen Café in Berlin-Kreuzberg hält Neslihan Arol eine uralte Tradition am Leben. Mit ihren Soloauftritten als Meddah – einer osmanischen Erzählkunst des 19. Jahrhunderts – verbindet sie Humor, Politik und eine scharfe feministische Note. Im Bavul Café versammeln sich Zuschauer, um zu erleben, wie sie jahrhundertealte Geschichten mit Witz und mutiger Gesellschaftskritik zum Leben erweckt.
Arols Weg auf die Bühne war alles andere als geradlinig. Anfangs von ihrem Vater entmutigt, studierte sie zunächst Chemieingenieurwesen, bevor sie heimlich zur Schauspielerei fand. Später erwarb sie einen Masterabschluss mit Fokus auf Clowns, fasziniert von deren Fähigkeit, Normen herauszufordern. Das traditionelle Theater bot Frauen kaum Rollen, in denen sie wirklich komisch sein durften – also wandte sie sich der Figur des Clowns zu und schließlich dem Meddah.
Die Wurzeln des Meddah reichen tief. Entstanden aus zentralasiatischen schamanistischen Erzähltraditionen und islamischen Lobgesängen, entwickelte es sich im 19. Jahrhundert zu einer Solo-Kunstform. Die Künstler nutzten Stimme, Mimik und Körpersprache, um in Kaffeehäusern, Palästen und auf öffentlichen Plätzen zu unterhalten und zu belehren. Neben dem Schattenpuppenspiel (Karagöz) und der improvisierten Komödie (Ortaoyunu) wurde es zu einer der frühesten Formen des öffentlichen Theaters in der osmanischen Kultur.
Arols Auftritte sind lebendig, mehrsprachig und unverschämt politisch. Sie hinterfragt Geschlechterrollen und Machtstrukturen – und bringt das Publikum dabei zum Lachen. Ihre Bühne ist schlicht: Eine Teelichtkerze, Symbol für die Menschlichkeit der Erzählenden, ersetzt die alte Gaslampe, die sie einst nutzte. Am Ende jeder Vorstellung bläst sie die Kerze aus – eine stille Mahnung, dass Geschichten nur leben, wenn sie erzählt werden.
2014 kam sie nach Berlin, um sich mit Comedy, Stand-up und Meddah auseinanderzusetzen, und hat die Stadt seitdem zu ihrem künstlerischen Standort gemacht. Ihre Auftritte im Bavul Café beweisen, dass selbst jahrhundertealte Traditionen heute dringlich und lebendig wirken können.
Arols Meddah-Darstellungen bewahren nicht nur eine kulturelle Praxis – sie verwandeln eine alte Kunstform in einen Raum für moderne Debatten über Geschlecht, Macht und Humor. Mit jedem Auftritt sorgt sie dafür, dass die Geschichten – und die Fragen, die sie aufwerfen – immer neue Zuhörer finden.






